Lyrik

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Ly|rik ['ly:rɪk], die; -:
literarische Gattung, in der subjektives Erleben, Gefühle, Stimmungen oder Gedanken mit den formalen Mitteln von Reim, Rhythmus u. Ä. ausgedrückt werden:
der Verlag veröffentlicht auch neuere Lyrik.
Syn.: 1 Dichtung, Poesie.
Zus.: Alterslyrik, Liebeslyrik.

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Ly|rik 〈f. 20; unz.; Lit.〉 lyrische Dichtung, Dichtungsart im Rhythmus, oft mit Reim u. in Versen u. Strophen, die Gefühle, Gedanken, inneres od. äußeres Erleben, Stimmung usw. des Dichters selbst ausdrückt (Gedanken\Lyrik, Liebes\Lyrik) [<frz. poésie lyrique „lyrische Poesie“; zu lat. lyricus <grch. lyrikos „zum Spiel der Leier gehörig“; zu grch. lyra „Leier“]

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Ly|rik , die; - [frz. poésie lyrique, zu: lyrique < lat. lyricus < griech. lyrikós = zum Spiel der Lyra gehörend]:
literarische Gattung, in der mit den formalen Mitteln von Reim, Rhythmus, Metrik, Takt, Vers, Strophe u. a. bes. subjektives Empfinden, Gefühle, Stimmungen od. Reflexionen, weltanschauliche Betrachtungen o. Ä. ausgedrückt werden; lyrische Dichtkunst:
die französische, moderne L.;
im Deutschunterricht L. durchnehmen.
Dazu:
Ly|ri|ker, der; -s, -;
Ly|ri|ke|rin, die; -, -nen.

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Lyrik
 
[französisch, zu griechisch lyrikós »zum Spiel der Lyra gehörend«] die, -, poetische Gattung, ursprünglich zur Lyrabegleitung vorgetragene Gesänge; gilt seit dem 18. Jahrhundert neben Epik und Dramatik als eine der drei literarischen Grundgattungen.
 
Lyrische Dichtung, die in Europa bei den Griechen erstmals fassbar ist, erwuchs in allen Kulturkreisen aus mythisch-religiösen Vorstellungen wie auch aus dem Alltagsleben. Aufgrund ihrer Nähe zum einfachen Lied ist Lyrik die Ursprungsform der Dichtung schlechthin. Ihr kaum greifbarer Formenreichtum entzieht sich einer einfachen Begriffsbestimmung. Diese Schwierigkeit spiegelt sich auch in Literaturwissenschaft und -geschichte, wo der Lyrik im Vergleich zu Epik und Dramatik weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird, obgleich ihr Stellenwert im Nationalbewusstsein v. a. kleinerer Völker besonders hoch ist.
 
Zu den Gattungsformen der Lyrik gehören u. a. das Lied in seinen vielen Variationen, die Ode, die Elegie, die Hymne, kunstvolle, strenge Formen wie das Sonett, kurze, prägnante wie das Epigramm. Die Durchdringung lyrischer mit epischen und dramatischen Elementen brachte die Ballade hervor. Als konstante Elemente der Lyrik können im Wesentlichen Rhythmus, Vers und Metrum genannt werden, nur teilweise Reim und Strophe. Oft sind an den Gesetzmäßigkeiten, denen eine Form unterliegt, noch die Regeln und Möglichkeiten derjenigen Sprache sichtbar, in der die Form ihren Ursprung hatte (so liegt allen romanischen Formen die lateinische Metrik zugrunde). Andere Einteilungen unterscheiden nach dem Inhalt (Liebeslyrik, politische Lyrik usw.), auch nach dem Maß und der Art des Anteils dichterischer Subjektivität (Stimmungslyrik, Erlebnislyrik, Gedankenlyrik). Als literarische Gattung, die am offensten ist für alle Arten von Experimenten (z. B. mit dem Lautgedicht) lebt sie mehr von den rhythmischen, klanglichen und bildhaften als von den erklärenden Möglichkeiten der Sprache.
 
 
Älteste Zeugnisse lyrischer Dichtung, Götter- und Königshymnen, stammen aus der babylonisch-assyrischen Überlieferung, aus der altägyptischen Literatur sind auch Arbeits-, Kriegs- und zum Teil sehr kunstvolle Liebeslieder erhalten. Früher Höhepunkt lyrischer Subjektivität ist der »Sonnengesang« des Königs Echnaton. Enthusiastisch-hymnisch war auch die alte hebräische Lyrik, wie sie in den Psalmen und im Hohen Lied überkommen ist.
 
In der fernöstlichen und in der arabischen Literatur fand die Lyrik schon früh Ausdrucksformen, die über Jahrhunderte hinweg als Muster und Maßstab galten: Die im altchinesischen »Shi-jing« (»Buch der Lieder«, wahrscheinlich vor 500 v. Chr.) zusammengestellten Dichtungen beeinflussten die Entwicklung der chinesischen Lyrik bis in die Gegenwart. Ähnliches gilt für die Sammlung »Manyōshū« (um 760), die älteste der offiziellen japanischen Lyrikanthologien. Die klassische indische (Sanskrit-)Lyrik erreichte ihren Höhepunkt bereits mit Kalidasa (um 400). Auch die klassischen Formen der arabischen Lyrik, Ghasel und Kasside, wurden schon im 8. Jahrhundert ausgebildet und hatten ihre Blütezeit im 10./11. Jahrhundert. Für diese Literaturen ist die Erstarrung der lyrischen Formen typisch. Sie wurde frühestens im 19. Jahrhundert aufgebrochen, erst im 20. Jahrhundert begann eine zögernde Erneuerung durch die Rezeption westeuropäischer beziehungsweise amerikanische Vorbilder.
 
 
Die abendländische Lyrik ist griechischen Ursprungs. Sie begann vorwiegend als Festdichtung. Zur Lyrik im engeren Sinn zählte nur das zur Leier gesungene Lied (melische Dichtung): die dorische Chorlyrik (Alkman, Stesichoros, Ibykos, Simonides, Pindar, Bakchylides) und die dem äolisch-ionischen Sprachraum (Lesbos) entstammende, von einem Einzelinterpreten vorgetragene monodische Lyrik (Terpandros, Alkaios, Sappho, Anakreon). Unter dem Einfluss der hellenistischen steht die römische Lyrik. Catull, Tibull, Properz wie auch Ovid übernahmen v. a. die Elegie, Horaz die Ode, Martial das Epigramm.
 
Europäisches Mittelalter:
 
Die nachantike europäische Lyrik wurzelte in den antik-christlichen Bildungstraditionen und wurde fast ausschließlich in lateinischer Sprache verfasst. Seit dem 9./10. Jahrhundert waren die Klosterschulen Pflegestätten v. a. geistlicher Gesänge (Sequenzen) und der Lehrdichtung. Weltlicher Inhalt hatte die Vagantendichtung. Eine nationalsprachliche Lyrik entwickelte sich etwa seit dem 11. Jahrhundert. Neben die religiöse (Mariendichtungen, Pilgerlieder) trat schon früh die weltliche Dichtung. Die Minnelyrik hat ihren Ursprung in der höfischen Kultur Südfrankreichs (Minnesang, Troubadour). Mit der Kanzone schuf sie sich die ihr eigene Form, die in Italien von Dante, später von Petrarca zur höchsten Vollendung geführt wurde. Auch das Sonett, für viele Jahrhunderte die beliebteste lyrische Form, wurde in Italien erfunden, wohl im Kreis der Sizilianischen Dichterschule. Andere Formen der romanischen Lyrik des Mittelalters sind Sestine und Madrigal. Die frühe Lyrik der Iberischen Halbinsel ist in den Cancioneiros gesammelt und überliefert. Die deutschsprachige Lyrik verarbeitete meist die romanischen Anregungen (aus der provenzalisch Alba wurde das mittelhochdeutsche Tagelied), mit der Spruchdichtung schuf sie für lehrhafte Inhalte eine eigene Form. Im Spätmittelalter verlor die Minnelyrik ihre Unmittelbarkeit. In Italien erreichte sie im Dolce stil nuovo noch einmal einen Höhepunkt, nun in transzendentaler Ausprägung. In Deutschland nahm im 15. Jahrhundert der Meistersang unter bürgerliches Vorzeichen die Traditionen des Minnesangs auf. Eine Ausnahmeerscheinung Ende des Mittelalters war der Franzose F. Villon. Seine der höfischen Tradition entgegengesetzten Lieder spiegeln persönliche Erfahrungen und die Schrecknisse der Zeit wider.
 
Humanismus und Renaissance:
 
Mit der Rückbesinnung auf die antike Kultur wurden wieder die antiken lyrischen Gattungen gepflegt, sowohl in lateinischer als auch in der Volkssprache. Vorbildhaft wirkte v. a. die italienische Lyrik, deren neu geschaffene Formen in anderen Sprachen nachgebildet wurden. Das Sonett erhielt durch Petrarca seine klassische Ausprägung. Die Nachahmung seiner Dichtungen beherrschte als Petrarkismus bis ins 18. Jahrhundert die europäische Literatur. Weitere bedeutende Vertreter der italienischen Renaissancelyrik sind u. a. Michelangelo und T. Tasso. Besonders stark war der petrakistische Einfluss in Spanien (Garcilaso de la Vega), wo seine Bilderwelt auch für religiöse Inhalte verwendet wurde (Johannes vom Kreuz). Die französische Lyrik der Renaissance war zunächst durch die Dichtungen der Rhétoriqueurs bestimmt, die an den überkommenen Formen Rondeau, Blason und Ballade festhielten (ähnlich die niederländischen Rederijkers), wenig später nutzten die Dichter der Pléiade die antiken Gattungen (v. a. Ode und Elegie), um die Ebenbürtigkeit der französischen Sprache mit der lateinischen und italienischen zu beweisen. In England wandelte Shakespeare das Sonett zu einer eigenen Variante ab, die unter seinem Namen in die Literaturgeschichte einging. Die deutsche Lyrik dieser Zeit war zum größten Teil Gelegenheitsdichtung nach lateinischen Mustern. Wichtigste und folgenreichste Neuerung war das protestantische Kirchenlied, wie es durch Luther geschaffen wurde. Nationalsprachliche Lyrik gab es seit der Renaissance auch in Osteuropa, bedeutend in Polen die Dichtungen von J. Kochanowski und Rej z Nagłowic.
 
17. und 18. Jahrhundert:
 
Im 17. Jahrhundert folgte die Lyrik den stilistischen Merkmalen des Barock. Besonders von Spanien gingen dabei neue Impulse aus: L. de Góngora y Argote schuf mit dunklen Metaphern überwucherte Dichtungen von äußerster Kunstfertigkeit, die gelehrter Interpretation bedurften (Culteranismo). Ähnliche Intentionen verfolgte der italienische Marinismus, in Frankreich die der preziösen Literatur zugehörige Lyrik, in England die Dichtungen der Metaphysical Poets (J. Donne). Barocke Lyrik entstand auch in den (katholischen) Ländern Ost- und Südosteuropas, v. a. im kroatischen Ragusa (herausragend I. Gundulić). Die deutsche Lyrik der Barockzeit erwuchs im Wesentlichen aus dem geselligen Leben. Zahlreiche Dichterkreise und -schulen wetteiferten in der Hervorbringung lyrischer Werke. Besonders fruchtbar waren die beiden schlesischen Dichterschulen (zur 1. gehörten u. a. M. Opitz und P. Fleming, zur 2. C. Hofmann von Hofmannswaldau) und der Königsberger Dichterkreis (S. Dach). Die wichtigste Neuerung der Zeit war die Reform von Opitz, die den Wort- und Versakzent in der deutschen Metrik in Übereinstimmung brachte. Das protestantische Kirchenlied erreichte in den schlichten, innigen Liedern von P. Gerhardt einen Gipfelpunkt. Persönliche Bekenntnis bieten auch die Gedichte von J. C. Günther, die über die zeitgenössische konventionelle Gelegenheitslyrik hinausweisen.
 
Die rationalistische Frühaufklärung griff in ihrem lyrischen Schaffen auf die antiken Formen zurück, suchte die Sprache und ihre dichterische Gestaltung frei von Regelverstößen zu halten, brachte aber wenig Zeitüberdauerndes hervor. Frühe Beispiele finden sich bei dem Engländer J. Dryden, eine neue Schlichtheit des Empfindens äußert sich in den lehrhaften Gedichten von H. Brockes, in den Naturdichtungen von A. von Haller und E. C. von Kleist; außerordentlich populär waren die Dichtungen C. F. Gellerts.
 
In Italien pflegten die Arkadier eine Dichtung, die der barocken Sprache des Marinismus eine neue »arkadische« Einfachheit entgegensetzen sollte (u. a. P. Metastasio). Diese Mode der Schäferpoesie äußerte sich in Deutschland in der Anakreontik. Überragende Gestalt der Lyrik der deutschen Aufklärung war F. G. Klopstock. Seine kühnen metrischen Neuerungen (u. a. Verwendung freier Rhythmen), seine leidenschaftliche Ausdruckskraft bereiteten die Lyrik der klassischen deutschen Dichtung vor. Derbe Sinnlichkeit und Lebenslust beherrschen die Lieder des Schweden C. M. Bellman, die bis in die Gegenwart lebendig geblieben sind. Für die russische Lyrik brachte der Klassizismus eine sprachliche und inhaltliche Modernisierung (A. Cantemir, M. W. Lomonossow).
 
Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts verloren die klassizistischen Gestaltungsmuster an Anziehungskraft (eine Ausnahme bildet das Werk des Franzosen A. Chénier, das allerdings erst im 19. Jahrhundert berühmt wurde). Die Lyrik der Empfindsamkeit, die bereits um die Jahrhundertmitte in England von T. Gray, E. Young und J. Thomson vorbereitet wurde, suchte formale und inhaltliche Anregungen bei der Volksdichtung. Die vermeintlichen Lieder des Ossian fanden in ganz Europa begeisterte Aufnahme, bevorzugte Formen waren schlichte Lieder und Balladen. Zu den bedeutenden Vertretern der Lyrik der Empfindsamkeit gehören der Schotte R. Burns und der Pole F. Karpiński. In Deutschland entstand etwa zeitgleich die Bewegung des Sturm und Drang. Er brachte eine reiche Gefühls- und Erlebnislyrik hervor, die in den hymnischen Dichtungen des jungen Goethe gipfelt.
 
19. Jahrhundert:
 
Die deutsche Lyrik erreichte um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert eine bis dahin nicht gekannte stilistische Vielfalt, gedankliche Tiefe und sprachliche Ausdruckskraft mit der reifen Lyrik Goethes und Schillers, mit den Dichtungen Hölderlins und der frühen Romantik (u. a. Novalis). Für die Romantiker war die Lyrik bevorzugtes Medium, um den melancholischen, sentimentalen, auch pathetischen oder rebellischen Stimmungen, die ihr Lebensgefühl bestimmten, Ausdruck zu verleihen. Sie knüpften an die Empfindsamkeit an, bevorzugten schlichte, volksliedhafte Formen (viele der Gedichte wurden vertont), häufig werden Bilder aus der Natur und Seelenzustände aufeinander bezogen. Frühe romantische Lyrik kam aus England, aus dem Kreis der Lake School (u. a. S. T. Coleridge, W. Wordsworth), v. a. aber von dem erst spät anerkannten W. Blake. In Frankreich setzte sich die poetische Konzeption der Romantik erst mit der Restauration durch, bedeutende Lyriker waren hier A. de Lamartine, V. Hugo, A. de Vigny und der Chansondichter P.-J. de Béranger.
 
Größte weltliterarische Wirkungen erreichte die Lyrik der jüngeren englischen Romantik (G. Byron, J. Keats, P. B. Shelley), während die deutschen Spätromantiker (J. von Eichendorff, L. Uhland, E. Mörike, N. Lenau) mit ihren zu Volksliedern gewordenen Gedichten die deutschsprachige Lyrik des 19. Jahrhunderts wesentlich beeinflussten. In der Nachbildung orientalischer Formen - nach dem Vorbild von Goethes »West-östlicher Divan« - wurde von F. Rückert und A. von Platen Beispielhaftes geleistet. Wichtiges Merkmal romantischer Literatur überhaupt ist die enge Bindung an nationale Themen, die sich in der Lyrik in Gesängen niederschlägt, die sich gegen die Unterdrückung durch fremde Mächte wenden: so bei dem Italiener G. Leopardi, bei dem Spanier J. L. Espronceda y Delgado, bei den Polen A. Mickiewicz und J. Słowacki, bei dem Ungarn S. Petőfi und dem Tschechen K. Mácha. Die russische Lyrik erreichte mit den romantischen Dichtungen von A. S. Puschkin und M. J. Lermontow ihren Höhepunkt, die US-amerikanische Literatur erschien mit der Lyrik R. W. Emersons erstmals auf der weltliterarischen Bühne.
 
Zur Mitte des Jahrhunderts zeichnete sich das Ende des romantischen Dichtungskonzepts ab, nachdem es in H. Heines ironischer Brechung seine letzten Möglichkeiten erreicht hatte. In der deutschsprachigen Literatur weisen die Naturgedichte der Annette von Droste-Hülshoff, G. Kellers und T. Storms darüber hinaus, in der englischen Literatur u. a. die sozial engagierte Lyrik der Elizabeth Barrett-Browning, in der amerikanischen die kraftvoll-visionären Dichtungen W. Whitmans, in Italien die direkt an die Antike anknüpfenden Oden G. Carduccis. Eine bewusste Abkehr von der ins Sentimentale abgeglittenen romantischen Bekenntnispoesie betrieben in Frankreich die Parnassiens. Die radikale inhaltliche Erneuerung der Lyrik kam jedoch von C. Baudelaire, dessen Zyklus »Les fleurs du mal« (1857) eine neue Epoche der Lyrik einleitete: Ihr Gegenstand wird nun das moderne Leben. Mit dem Aufbrechen der metrischen Strukturen und der Verselbstständigung der sprachlichen Zeichen durch den Symbolismus wurde die Revolution der Lyrik vollendet. Diese gleichfalls von Frankreich ausgehende Strömung (wichtigste Vertreter A. Rimbaud, P. Verlaine, S. Mallarmé) strahlte auf ganz Europa aus: Symbolistische Lyrik schrieben u. a. in England A. C. Swinburne, T. S. Eliot und W. B. Yeats, in den Niederlanden A. Verwey, in Ungarn E. Ady, in Polen S. Przbyszewski, in Russland, wo der Symbolismus bis zum 1. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts das geistige Leben wesentlich bestimmte, u. a. W. J. Brjussow, F. K. Sologub, D. S. Mereschkowskij, A. A. Blok und A. Belyj. In der spanischsprachigen Lyrik nahm der Modernismo (Modernismus ) die Stelle des Symbolismus ein (R. Darío). Der Belgier E. Verhaeren gestaltet mit symbolistischer Formsprache sozialkritische Inhalte. In der deutschsprachigen Lyrik des ausgehenden 19. Jahrhunderts erreichte C. F. Meyer mit seinen gedankentiefen Gedichten klassische Formstrenge. Symbolistische Anregungen verarbeitete D. von Liliencron, während die Gedichte von A. Holz Beispiele für naturalistische Lyrik bieten.
 
20. Jahrhundert:
 
Die Einflüsse des französischen Symbolismus vermischten sich in der deutschsprachigen Lyrik der Jahrhundertwende mit den Tendenzen von Neuromantik und Jugendstil. Lyrische Dichtungen wurden Ausdruck der Ästhetisierung des Lebens (H. von Hofmannsthal), S. George begründete damit die Vorstellung einer »geistigen Herrschaft«; R. M. Rilkes reife Lyrik setzt die Kunst vollendeter Gestaltung gleich mit der Sinnstruktur, die Vergängliches bewahren kann.
 
Seit etwa 1910 bestimmten die rasch wechselnden, einander überschneidenden Strömungen der europäischen Avantgarde Stil und Inhalt der Lyrik (so in Russland die Akmeisten, in Italien die Crepuscolari), wobei die großen Persönlichkeiten sich oft eindeutiger Zuordnung entziehen, wie der Spanier J. R. Jimenez.
 
Von der deutschen Literatur nahm der Expressionismus seinen Ausgang, dessen Lyrik, meist freirhythmisch und ekstatisch, mit neuartigen Metaphern, in verknappter Syntax Angst, Verzweiflung, aber auch Sehnsucht nach allgemeiner Harmonie artikuliert; bedeutende Vertreter waren u. a. G. Trakl, G. Heym, der junge G. Benn, der junge J. R. Becher, T. Däubler, Else Lasker-Schüler, Y. Goll, P. Zech. Der deutsche Expressionismus strahlte u. a. aus auf die Lyrik der Länder Ost- und Südosteuropas (bedeutender Vertreter z. B. der Ungar A. József); auch die Erneuerung der schwedischen Lyrik durch P. F. Lagerkvist nahm ihren Ausgang von expressionistischen Konzepten. Großer Anreger und Neuerer der angloamerikanischen Lyrik des 20. Jahrhunderts war E. Pound, zum einen mit dem ästhetischen Programm des Imagismus, zum anderen mit seinen eigenen kosmopolitischen kulturkritischen Dichtungen in freirhythmischer Sprache. Die Imagisten (neben Pound R. Aldington und Hilda Doolittle) erstrebten die äußerste Präzision der lyrischen Sprache, deren Ziel das »Bild« war.
 
Parallel zum Expressionismus versuchte der Futurismus von Italien aus die Sprengung aller Traditionen; man feierte den technischen Fortschritt und wollte mit Eingriffen in die Sprache (v. a. der Zerstörung der Syntax) eine adäquate Dichtung schaffen. Initiator und wichtigster Vertreter futuristischer Lyrik war F. T. Marinetti, eine eigene Ausprägung erreichte sie in Russland mit W. Chlebnikow und W. W. Majakowskij, nach ihrem Vorbild dichtete B. Jasieński in Polen. Als Gegner des Futurismus verstanden sich die russischen Imaginisten mit S. Jessenin; die russische Lyrik der 20er-Jahre erreichte mit ihm, mit Achmatowa, Mandelstam, aber auch mit Maria Zwetajewa und B. Pasternak, die beide in unterschiedlicher Weise Tradition und Moderne verbinden, den künstlerischen Höhepunkt des Jahrhunderts.
 
Die totale Revolution von Literatur und Kunst war Programm des Dadaismus. Seinen Protagonisten (die Deutschen R. Huelsenbeck und H. Ball, der Deutsch-Franzose H. Arp, der Franzose T. Tzara u. a.) genügten die expressionistischen und futuristischen Neuerungen nicht, ihre Simultan- und Lautgedichte verzichteten auf jede inhaltliche Aussage, Lyrik trat erstmals als »Aktion« an die Öffentlichkeit, Spontaneität und Zufall wurden zu wichtigen gestalterischen Prinzipien.
 
Ein ähnlicher Konzept verfocht der Surrealismus, seine internationale Ausstrahlung war jedoch ungleich größer. Wichtigster Anreger der surrealistischen Bewegung war G. Apollinaire, dessen Prosagedicht »Onirocritique« (1908) Grundlage ihrer antibürgerlichen Kulturkritik wurde. Die Surrealisten beriefen sich auf das Unbewusste, auf Träume und Instinkte, die in jedem Menschen poetische Texte erzeugen könnten. Bedeutende Zeugnisse der reinen surrealistischen Lyrik der 20er-Jahre kommen von L. Aragon, P. Éluard und P. Soupault. Die spanische Lyrik hatte zunächst mit dem Creacionismo französische Vorbilder aufgenommen, eine eigenständige Erneuerung kam jedoch erst durch die Generation von 1927, die die großen nationalen Traditionen (v. a. Góngora) mit den antirealistischen Mitteln der Moderne verband. Für die portugiesische Lyrik eröffnete F. Pessoa die Möglichkeiten moderner Gestaltung in Synthese mit klassizistischen Mustern.
 
Mit dem Konstruktivismus entwickelten die Literaturen in Ost- und Südosteuropa eine eigene Richtung der modernen Lyrik. Dieser wollte die kreativen Fähigkeiten anregen und die Wirklichkeit ordnen, demzufolge ist konstruktivistische Lyrik knapp und nüchtern, ihre Themen bezieht sie häufig aus der Arbeitswelt. Bedeutende Vertreter kamen v. a. aus Polen, so J. Przyboś von der Krakauer Avantgarde. In der tschechischen Lyrik bildete der Poetismus durch Verbindung von konstruktivistischen mit surrealistischen Elementen eine eigene Variante (V. Nezval).
 
Dem expressionistischen Pathos setzten in Deutschland die Dichter der Neuen Sachlichkeit eine Gebrauchslyrik entgegen, deren oft zeitkritische Alltagsthemen betont schlicht oder auch ironisch gestaltet sind (E. Kästner, K. Tucholsky, J. Ringelnatz, auch Beispiele bei B. Brecht). Eine andere Antwort auf die dezidiert moderne Lyrik kam in Deutschland von den Dichtern, die der zunehmend als chaotisch empfundenen Gegenwart bleibende Werte entgegensetzen wollten: Sie suchten sie in der Rückbesinnung auf formale Strenge, in Themen aus Mythos und Geschichte (R. Borchardt), in religiösen Dichtungen (R. A. Schröder), v. a. aber in Naturlyrik (O. Loerke, W. Lehmann). Wichtiger Sammelpunkt der Lyrik im Deutschland der Weimarer Republik war die Dresdner Zeitschrift »Die Kolonne« (1929-32), wo u. a. P. Huchel, Marie Luise Kaschnitz, Elisabeth Langgässer veröffentlichten; ihre Leitfigur war Loerke. Diese Art der Lyrik wurde auch zum Ausdruck der »inneren Emigration« jener Autoren in nationalsozialistischer Zeit. In Italien erwuchs - nach dem Vorbild des Symbolismus - mit dem Hermetismus ebenfalls eine Lyrik, die auf Bilder aus Natur und Mythos zurückgriff (G. Ungaretti, E. Montale, U. Saba); in Frankreich steht R. Char für eine philosophische Lyrik, deren lakonische, fragmentarische Raffungen auf viele jüngere Dichter wirkten.
 
Unmittelbar nach 1945 suchte die (west-)deutsche Lyrik ihre Vorbilder in der Formsprache der 20er- und 30er-Jahre, auch mit klassischer Strenge reagierten die Dichter auf die äußere Katastrophe (G. Benn, Rose Ausländer, G. Eich). Seit den 50er-Jahren öffnete man sich wieder weltliterarischen Einflüssen, v. a. amerikanischen: Wichtig wurden Sylvia Plath mit ihrer Bekenntnislyrik, die Autoren der Beatgeneration (so A. Ginsberg), aber auch der krasse Außenseiter C. Bukowski. Kritischer Lakonismus, Momente des Surrealen, eine neue Sensibilität, politische Chiffrierung von Naturbildern verbanden sich bei P. Celan, Ingeborg Bachmann, Nelly Sachs mit einem neuen Hermetismus, bei E. Fried und H. M. Enzensberger mit eingreifendem gesellschaftlichen Engagement. Von der Lyrik in der DDR ist, neben den späten Gedichten B. Brechts, v. a. die J. Bobrowskis und G. Maurers zu nennen, die ihre Originalität durch die Assimilation östlicher und jüdischer Elemente erreicht. In den 60er-Jahren begannen die Auflösungserscheinungen in der Doktrin des »sozialistischen Realismus« mit den ersten Veröffentlichungen einer jungen Dichtergeneration, die vorsichtig eine moderne lyrische Sprache erprobte (V. Braun, K. Mickel, Sarah Kirsch, B. Jentzsch, G. Kunert und R. Kunze).
 
In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts sind nur wenige allgemeine, übernationale Entwicklungen in der Lyrik zu erkennen. Neue Anstöße gab die konkrete Poesie, auch mit ihrer französischen Variante, dem Lettrismus; doch auch hier knüpft die Dichtung an die dadaistischen Experimente an. Die Grundsätze der konkreten Poesie - Verzicht auf die inhaltliche Botschaft, Lyrik als Produkt aus dem Material Sprache - wurden über ihre direkten Anhänger (E. Gomringer, H. Heißenbüttel, E. Jandl, Friederike Mayröcker, F. Mon, G. Rühm) hinaus Leitlinien für viele Lyriker späterer Generationen.
 
Unter den Bedingungen des literarischen Marktes der Gegenwart hat es Lyrik schwer, ein größeres Publikum zu erreichen, allenfalls die Texte der Liedermacher erhalten diese Möglichkeit. Internationale Aufmerksamkeit erlangt Lyrik allerdings über den Nobelpreis für Literatur, der häufig an Lyriker verliehen wird. Über seine Publizität findet auch die nationale Tradition, aus der das Werk des jeweiligen Preisträgers erwuchs, Interesse: Dies gilt für den Tschechen J. Seifert (1984), für den Mexikaner O. Paz (1990), für D. Walcott von der Karibikinsel Saint Lucia (1992), für den Iren S. Heaney (1995) und für die Polin Wisława Szymborska (1996).
 
 
Frankfurter Anthologie. Gedichte u. Interpretationen, hg. v. M. Reich-Ranicki, auf zahlr. Bde. ber. (1976 ff.);
 W. Killy: Wandlungen des lyr. Bildes (71978);
 W. Killy: Elemente der L. (Neuausg. 1983);
 E. Austermühl: Poet. Sprache u. lyr. Verstehen. Studien zum Begriff der L. (1981);
 
Gesch. der dt. L. vom MA. bis zur Gegenwart, hg. v. W. Hinderer (1983);
 
L. des MA., hg. v. H. Bergner u. a., 2 Bde. (1983);
 E. Staiger: Grundbegriffe der Poetik (Neuausg. 51983);
 B. Asmuth: Aspekte der L. Mit einer Einf. in die Verslehre (71984);
 A. Binder u. H. Richartz: L.-Analyse (1984);
 H. Hartung: Dt. L. seit 1965. Tendenzen - Beispiele - Porträts (1985);
 O. Knörrich: Lyr. Texte. Strukturanalyse u. histor. Interpretation (1985);
 D. Lamping: Das lyr. Gedicht. Definitionen zu Theorie u. Gesch. der Gattung (21993);
 K. Schuhmann: L. des 20. Jh. Materialien zu einer Poetik (1995).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
deutsche Literatur: Lyrik des Barocks zwischen Pathos und Innerlichkeit
 
frühgriechische Lyrik: Einzellied und Chorgesang
 
Roman und kleine Gedichte: Literarische Formen des Hellenismus
 
Lyrik: Das Spektrum moderner Lyrik
 

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Ly|rik, die; - [frz. poésie lyrique, zu: lyrique < lat. lyricus < griech. lyrikós = zum Spiel der Lyra gehörend]: literarische Gattung, in der mit den formalen Mitteln von Reim, Rhythmus, Metrik, Takt, Vers, Strophe u. a. bes. subjektives Empfinden, Gefühle, Stimmungen od. Reflexionen, weltanschauliche Betrachtungen o. Ä. ausgedrückt werden; lyrische Dichtkunst: die französische, moderne L.; im Deutschunterricht L. durchnehmen; ... und L. zu schreiben ist im Allgemeinen leichter als zu arbeiten (A. Schmidt, Massenbach 141).

Universal-Lexikon. 2012.

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